Esperanto macht wieder die Berliner und Brandenburger Gewässer unsicher.
Nach einer Winterpause, bei der das Motorboot "Esperanto" in Werder/Havel vom Packeis eingeschlossen wurde, ist der Kahn wieder flott und die Dieseltanks sind gefüllt.

An Himmelfahrt fand die erste größere Ausfahrt statt. Es ging auf den Spuren von Theodor Fontane in die Gewässer südöstlich von Berlin. In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" erwähnt Fontane eine Einladung, die Umgebung ausnahmsweise auf einem Segelboot zu erkunden:
- Am 6. abends war ich in Köpenick. Ich hatte die Wahl, ob ich von der Land- oder Wasserseite her an Bord gehen wollte, entschied mich aber für letzteres. Alle Dinge haben ihr Gesetz. Wer zu einer Parforcejagd geladen ist, muß in einem roten Frack kommen oder wegbleiben. Also zu Wasser. Ein Boot führte mich um die Schloßinsel herum bis an die Ankerbucht, in der die »Sphinx« still und friedlich unter einem Dach weit vorgestreckter Ulmenzweige lag. Ein leiser Rauch stieg anheimelnd aus ihrem Küchenschornstein auf. Nach kurzem Anruf faßte ich eines der zwischen Mast und Schiffswandung straff ausgespannten Taue und kletterte die Stufen, bloße angenagelte Brettstücke, hinauf. Ich fand die Reisegesellschaft bereits versammelt.
Die Esperanto war am Abend vor Himmelfahrt an bewußter Stelle in Köpenick, aber es war leider keine Gelegenheit zum Einladen von Proviant, wie es Fontane schildert:
- Durch welche Gegenden mußten wir kommen, um zu solchen Vorsichtsmaßregeln gezwungen zu sein! Es wurden eingeschifft: 120 Flaschen Tivolibier, 120 Flaschen Sodawasser, 30 Flaschen [62] Bordeaux, 3 Filets, 2 Schock Eier, 1 Butterfaß, 1 Zuckerhut, 1 Baumkuchen, 6 Flaschen Scharlachberger und 1 Dutzend Flaschen Champagner. Mehr noch als diese durch Zahl oder Gewicht bemerkenswerten Quantitäten imponierte mir die Liste »Kleinigkeiten«; sie füllte einen halben Bogen und wies über hundert Nummern auf. Ich zitiere daraus nur folgendes: eine Muskatnuß, ein kleines Reibeisen dazu, Salbeiblätter um Aal und Dilldolden um Schlei zu kochen. Alle diese Dinge, groß oder klein, verschwanden ohne Schwierigkeit in dem Rumpf des Schiffes; die Butter, das Fleisch erhielten ihren Platz auf großen Eisblöcken, und eh' eine halbe Stunde um war, war auch die letzte Flasche »gestaut«.
Wir hatten uns im Supermarkt mit Dosen eingedeckt, der Kühlschrank funktionierte und ansonsten hofften wir darauf, daß die Gegend nicht gänzlich ohne Zivilisation sein werde. Im Schein der Abensonne ging es die Regattastrecke entlang gen Süden. Die Schmöckwitzer Brücke mußte für uns nicht angehoben werden
- Wir waren inzwischen bis in unmittelbare Nähe der Schmöckwitzer Brücke gekommen. Kapitän Backhusen gab ein Zeichen mit Horn und Sprachrohr, und gleich darauf, während die halbe Dorfjugend hinzudrängte, hob sich eine der Brückenklappen und gestattete uns, unter Salut und Zoll, die Einfahrt aus dem Seddinsee in den Zeuthenersee zu machen. Unsere erste Station war erreicht: Schmöckwitz. Die »Sphinx« legte an, wir stiegen ans Ufer, um auf eine halbe Stunde wieder terra firma unter den Füßen zu haben.
Aber auch mit dem Anlegen in Schmöckwitz war es nichts: Der öffentliche Anleger, wo man kostenlos eine Nacht verbringen dürfte, wies nur einen Tiefgang von 0,7 m auf. Zu flach für die "Esperanto" Also Ankern auf dem Wasser des Zeuthener Sees, wo Fontane noch "Hankels Ablage" verortet hatte.
- Eine Viertelstunde später waren wir wieder an Bord der »Sphinx« und fuhren nun, unseren Kurs wechselnd, auf die Südspitze des Zeuthenersees zu. Auch hier noch ist der Segelklub zu Haus, dessen anwesende Mitglieder nicht ermangelten, mir »Hankels Ablage«, »Haches Gruß«, den »Gingang-Berg« und ähnlich wunderlich benannte Punkte vorzustellen. Aber der Zeuthenersee ist doch schon Vorterrain; die Villen hören auf, der Einfluß der Hauptstadt schwindet und die eigentliche »Wendei« beginnt. Die Ufer still und einförmig. Nur dann und wann ein Gehöft, das sein Strohdach unter Eichen versteckt; dahinter ein Birkicht, ein zweites und drittes, kulissenartig in die Landschaft gestellt. Am Horizonte der schwarze Strich eines Kiefernwaldes. Sonst nichts als Rohr und Wiese und ein schmaler Gerstenstreifen [75] dazwischen; ein Habichtpaar in Lüften, das im Spiel sich jagt; von Zeit zu Zeit ein Angler, der von seinem Boot oder einem halbverfallenen Steg aus die Schnur ins Wasser wirft. Wenig Menschen, noch weniger Geschichte
Nicht kreuzend, wie Fontanes Segler, sondern auf gerader Linie ging es am nächsten Tag gen Süden, an Königs-Wusterhausen vorbei, das Fontane bei dieser Gelegenheit nur kurz erwähnt, aber an anderer Stelle ausführlich beschrieben hat. Nächster Stopp die Schleuse Neue Mühle.
Hier macht sich der Feiertag bemerkbar. An der Sportboot-Wartestelle herrscht ein dichtes Gedränge von Sportbooten aller Größen. Beim 2. Mal kommen wir mit durch. Fontane erwähnt die Schleuse nicht, die hier seit 1696 gibt und die 1868 auf die heutige Größe ausgebaut wurde. Mit 38,93 Meter einen Tick zu kurz für das Finowmaß von 40,2 Meter.
- Dann fuhren wir in die Neumühler-Schmalung ein, die den Zeuthenersee mit dem Krüpelsee verbindet, endlich aus dieser Schmalung in den Krüpelsee selbst.
Auf dem See wurde von der "Esperanto" der Anker geworfen und ein Mittagsmahl bereitet. Dann ging es weiter die Dahme-Wasserstraße entlang, die hier aus Seen und Flußstücken besteht.
- Die Landschaftsbilder blieben dieselben und wechselten erst, als wir, bei Dorf Cablow, aus der bis dahin befahrenen Seenkette der wendischen Spree in diese selbst gelangten. Nicht viel breiter als ein Torfgraben, zieht sie hier die Grenze zwischen dem Teltowschen und dem Beskow-Storkowschen Kreis, bis sie, nach einer Wegstrecke von kaum einer Meile, bei dem Dorfe Gussow abermals zu einem See sich breitet, dem Dolgensee.
Ich weiß nicht, wie breit zu Fontanes Zeiten ein Torfgraben war, aber auf der Dahme ist reichlich Platz. Selbst Passagierschiffe verkehren hier. Fontanes Yacht hat in Dolgenbrod die Nacht verbracht, wir fahren ungerührt an dieser historischen Stelle vorbei und lassen km 24,90 die „Abzweigung der Storkower Gewässer“ links liegen. Bei km 26,00 ist die „Abzweigung der Teupitzer Gewässer“. Dort liegt Prieros und die Dahme wird zur „Landeswasserstraße Brandenburg“.
- Schon vor sechs Uhr war die »Sphinx« unter Segel. Aber der Wind ließ bald nach, so daß wir froh waren, inmitten einer eben zu passierenden Schmalung die großen Stoßruder benutzen zu können. Wir schoben uns nur noch von der Stelle. Dies dauerte Stunden. Erst bei Prierosbrück machte sich der Wind wieder auf und trieb uns nun in die »Schmölte« hinein, einen buchtenreichen, durch Schiebungen und Waldkulissen ausgezeichneten See, der, zugleich mit dem ihm anliegenden Duberow-Forst (gemeinhin kurz »die Duberow« geheißen) den inneren Zirkel der Wusterhausener Herrschaft, dieses großen, an die dreizehn Quadratmeilen umfassenden, und namentlich während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. aus adligen Gütern der Schlieben, Oppen und Schenken von Teupitz zusammengekauften Jagdreviers bildet.
Unser kräftiger Dieselmotor bewegte uns zuverlässig durch die Seen, die beweitem nicht mehr so einsam und weltabgewandt sind, wie zu Fontanes Zeiten. Für ein feudales Nachtmahl blieb keine Zeit.
- Der Tisch war unter einer ausgespannten Leinwand gedeckt; der weißeste Damast, das blinkendste Silber lachten uns entgegen. Selbst an Tafelaufsätzen gebrach es nicht. Neben dem großen Köpenicker Baumkuchen paradierten zwei prächtige, in hundert Blüten stehende Heidekrautbüschel, die Mudy, samt dem Erdreich, ausgeschnitten und in zwei reliefgeschmückte Weinkühler eingesetzt hatte. Aber Größeres war uns vorbehalten, was sich erst offenbaren sollte, als die Reihe der vorschriftsmäßigen Gänge, unter denen sich besonders das Fischgericht »Schlei mit Dill« auszeichnete, beendet war.
Es blieb uns auch erspart im Schlamm stecken zu bleiben. Wir hielten uns präzise an das ausgetonnte Fahrwasser.
- Kaum in den Hölzernen See, nomen et omen, eingefahren, so saßen wir fest. Aber die Führung unseres Schiffs hätte nicht die sein müssen, die sie war, wenn sie sich in solchem Momente hätte ratlos erweisen sollen. Kapitän Backhusen, mit dem Tubus auslugend, erkannte hinter Schilf und Werft versteckt, in nicht allzuweiter Entfernung ein Brückenwärterhäuschen, an das jetzt Mudy, die Schiffsjolle herablassend, mit der Anfrage deputiert wurde, ob man bereit sei, unseren aus dicken Eisenplatten bestehenden Ballast auf zwei, drei Tage zu beherbergen. In kürzester Frist war die bejahende Antwort da, die großen Barren wanderten aus dem Rumpf in die Jolle und nach dreimaliger Fahrt zwischen Schiff und Zollhaus war unsere Sphinx wieder flott und frei.
Dann trat ein weiteres Hindernis in Erscheinung, das Fontane verschweigt, das aber in jedem Revierführer klar zu erkennen ist: Die Zugbrücke von Groß Köris. Sie wird nur zur vollen Stunde für Schiffe geöffnet, die nicht drunter durchpassen. Eine Wartestelle ist eingerichtet, aber man soll die Privatgrundstücke nicht betreten. Damit entfällt eine genauere Besichtigung dieses technischen Denkmals, dessen Vorläufer schon 1749 aus Holz an dieser Stelle errichtet worden ist. Die heutige Brücke wurde 1958 gebaut und 1977 auf elektrischen Antrieb umgestellt.

Nach kurzem Aufenthalt hebt sich die Brücke und wir fahren durch den Zemminer und Schweriner See in den Teupitzer See ein. Ziemlich synchron mit Fontane, aber mit einem drohenden Unwetter im Nacken.
- Es begann zu dunkeln, als wir, zwischen Groß- und Klein-Köris, in ein schwieriges, aus mehreren flachen Becken bestehendes Seegebiet einfuhren, das in seiner Gesamtheit den wenig klangvollen aber bezeichnenden Namen der »Moddersee« führt. Die Karten unterscheiden einen großen und kleinen. Das Wasser in diesen Becken stand nur etwa fußhoch über einem aus gelbgrünen Pflanzenstoffen bestehenden Untergrund, der so weich war, wie ein mit Hilfe von Reagenzien eben gefällter Niederschlag. Unser Schiff durchschnitt diese reizlosen, aber für die Wissenschaft der Torf-und Moorbildungen vielleicht nicht unwichtigen Wassertümpel, die vor uns, unaufgerüttelt, in smaragdner Klarheit, hinter uns in graugelber Trübe, wie ein Quirlbrei von Lehm und Humus lagen.
Der auffrischende Wind, der Fontanes Crew vom Staken erlöste, machte uns Angst.
- Der Wind setzte sich hinein und plötzlich, wie aufatmend, fuhren wir aus einem Gewirr von Tümpeln und Schmalungen, die wir während der letzten zwei Stunden zu passieren gehabt hatten, in ein imposantes und beinah haffartig wirkendes Wasserbecken ein. Nur in sehr unbestimmten Umrissen erkannten wir die Ufer. Nach links hin, in langer Linie, blitzten Lichter und spiegelten sich in dem dunkeln See. An Bord drängte alles zu neuer Tätigkeit. Leutnant Apitz, mit eigner Hand, feuerte den landeinwärts gerichteten Böller ab; Mudy, auf Befehl des Kapitäns, ließ eine Rakete in den Nachthimmel aufsteigen. In wenigen Minuten sahen wir unseren Zweck erreicht: Gestalten, hin- und herlaufend, sammelten sich an einer Stelle, die ein Landungsplatz, eine Anlegebrücke sein mochte. Stimmen klangen herüber. Gleich darauf fiel der Anker. Im Angesicht von Teupitz, dunkel und rätselvoll, lag die »Sphinx«.
Wir haben darauf verzichtet den Anker zu werfen, was eine gute Idee war. Kurz vor dem Hafen Teupitz fing es wie aus Kübeln zu gießen und kaum daß das Schiff vertäut war, fing es an zu hageln.
Es gabe wenig Lust auf ein frugales Mahl an Bord und Einheimische verrieten gerne, wo man noch gut essen könnte.
Im Restaurant"Schenk zu Landsberg" beschlossen wir den Tag bei Wildragout, Hirschkeule und Bordeaux.

Eine Beschreibung des ersten Teils der Route gibt es auch beim Wasser- und Schiffahrtsamt Berlin mit weiteren Einzelheiten.
Eine Familie hat mit dem Charterboot Pittiplatsch (Basis Fürstenwalde) die Gegend befahren und auch mit Fotos dokumentiert.<